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Die Sonne im Gesicht und den Wind in den Haaren

10.07.2006
Surftrip nach Südspanien und Marokko von Claudia Suter und Stefan Knechtle. 16. März Wohnungsabgabe, 17. März letzter Arbeitstag, 18.März Abfahrt mit einem Bus voll Surfmaterial Richtung Meer und Wärme. Dies war der Count Down zu unserem Surftrip. Doch zuerst mussten Claudia und ich noch unseren neu erstandenen VW T4 mit Hochdach von einem charakterlosen Lieferwagen zu einem gemütlichen Surfbüssli umbauen.
Die Sonne im Gesicht und den Wind in den Haaren | Soulrider.com


16. März Wohnungsabgabe, 17. März letzter Arbeitstag, 18.März Abfahrt mit einem Bus voll Surfmaterial Richtung Meer und Wärme. Dies war der Count Down zu unserem Surftrip. Doch zuerst mussten Claudia und ich noch unseren neu erstandenen VW T4 mit Hochdach von einem charakterlosen Lieferwagen zu einem gemütlichen Surfbüssli umbauen

Nach diesem Stress hatten wir nun plötzlich Zeit, viel Zeit, woran wir uns erst mal gewönnen mussten. Die einzige Einschränkung war, dass Claudia Ende Mai wieder in der Schweiz sein musste. Als Ziele hatten wir Andalusien und Marokko ins Auge gefasst.

In der Schweiz sind wir bei Schnee und Kälte losgefahren. In Südfrankreich erwartete uns trübstes Nieselwetter, also gleich weiter nach Spanien, wo das Wetter langsam besser wurde. So genossen wir den Frühling in Barcelona. Weiter ging es nach Valencia, dies ist eine herrliche Stadt. Auf der einen Seite ein schmucker alter Stadtkern mit viel südlichem Charme. Als Kontrast dazu ganz neue, imposante Architektur. Diese beiden Höhepunkte sind verbunden durch den Rio Tejo, ein ehemaliges Flussbett, das heute zu einem grossen Park umgebaut ist. Ein weiterer Höhepunkt ist das Ozeanium, hier kann man in einer Glasröhre das Aquarium durchwandern, während oben die Haifische durchschwimmen.

Doch wo bleibt der Wind? Südlich von Valencia in el Vergel kam er. So hatte ich meinen ersten Surftag beim Spot Paquebote.

Was in Holland das Isselmeer, ist in Spanien das Mar Menor. Das ist ein Salzwassersee mit riesigem Stehbereich, Claudias Traumrevier. Landschaftlich ist das Mar Menor jedoch gewöhnungsbedürftig, überall Massentouri-Hotelhochhäuser. In der Nebensaison nur von dicken deutschen Rentnern und einigen Einheimischen bevölkert.

Almeria war unser nächstes Basislager. Diese Gegend hat wohl das beste Wetter von ganz Spanien und gerade im Frühjahr auch recht häufig Wind. In der Umgebung gibt es diverse Spots. Die Hauptwindrichtungen sind wie in Tarifa der Levante (Ost) oder der Poniente (West). Bei Poniente haben sind wir an folgenden Spots gesurft:

Roquetas del mar, hier weht der Wind am stärksten, das Wasser ist relativ flach und aussen bilden sich Sprungschanzen.

Camping Mar Azul in Almerimar: hier surfen die meisten Locals, und es herrscht eine sehr entspannte hilfsbereite Stimmung, die Welle wird hier am höchsten. (und beim Joggen wird man sandgestrahlt!)

Culoperro: ca 1km westlich vom Camping Mar Azul, die Welle ist hier gemässigter, bei Levante soll dies der beste Spot sein, wenn man Welle sucht.

Bei Levante: Strand vom Flughafen bis Cabo de Gata: dies ist die Speedpiste bei Levante. Hier kannst du mit voll Speed in die Halsen fahren.


Wir hatten aber auch Tage ohne Wind, hier bietet die Region Sehenswürdigkeiten für ein paar Ausflüge. Uns hat die Stadt Granada mit der Alhambra ausgezeichnet gefallen. Weiter haben wir eine Wanderung in der Sierra Nevada unternommen. Besonders schön ist der Naturpark Cabo de Gata, dieser bietet verträumte Buchten zum Ausspannen und Baden. Auch eine Küstenwanderung wäre hier sehr empfehlenswert.

Doch der Lockruf der Windhauptstadt Tarifa wurde immer stärker, so fuhren wir voller Erwartungen zum südlichsten Zipfel Spaniens. Gefunden haben wir eine wunderbare, hügelige Landschaft, die Mitte April noch ganz grün war. Über Nacht sind wir wild auf der Schweinewiese bei der Düne gestanden. Dort herrscht eine gemütliche Surferstimmung. Der Spot mit grossem Sandstrand bietet bei Levante wie auch Poniente Flachwasser mit etwas Kabelwelle. Bei Poniente kann es einen Shorebreak geben, mit dem Claudia noch eine Rechnung offen hat. Bei Poniente bietet der Spot beim Arte Vida etwas mehr Welle und bei Levante gibt's etwas mehr Welle in Bolonia oder dann noch mehr in Canos de Mecca, dort ist aber der Wind nicht so zuverlässig.

In unseren 2 Wochen im April wurde uns windmässig fast alles geboten, mässiger bis sehr starker Levante und schwacher bis mässiger Poniente. An 2 Tagen war es auch in Tarifa windstill, die nutzten wir für einen Ausflug nach Sevilla, wo wir die merkwürdige Osterprozession miterlebten, den Ostersonntag habe wir bei einer wunderschönen Wanderung im Grazalema- Nationalpark genossen.

Langsam wurde bei uns die Lust nach Neuem und Unbekanntem immer grösser, so informierten wir uns über die Fähren nach Marokko. Wir sind dann schlussendlich direkt von Tarifa nach Tanger gefahren. Dies ist zwar mit 330Euro retour etwas teuerer wie von Algeciras aus, dafür aber super easy. Auch die Zollkontrolle in Marokko war entspannt. Ein paar Formulare ausfüllen und nach 20 Minuten waren wir in einer anderen Welt. Um noch bei Helligkeit in Essaouira anzukommen, sind wir direkt durchgefahren. Zuerst auf ganz neuen Autobahnen.

Die kosten zwar ganz wenig Maut, dafür sind sie aber etwa so frei, wie wenn man in der Schweiz nachts um 3Uhr unterwegs ist. Der 2. Teil führt über eine gute Landstrasse. Auf der Fahrt hat man schon mal Zeit sich an das neue Land zu gewöhnen. Man sieht viele Eselskarren, Leute die auf den Feldern von Hand arbeiten, in jedem Dorf ist reger Betrieb und meist eine Art Strassenmarkt. Die Landschaft ist im Norden zuerst relativ grün mit Wiesen, Aeckern und Wäldern, dann kommt die Kornkammer Marokkos und kurz vor Essaouira findet man eine trockene hügelige Buschlandschaft.

Essaouira ist eine aufstrebende kleine Küstenstadt mit einer schönen Medina (Altstadt). In der Medina sind Hunderte von kleinen Läden, die alles mögliche verkaufen. Es herrscht ein angenehmer Mix aus Einheimischen und Touristen. An den Wochenenden kommen auch sehr viele Ausflügler von Marrakesch, welche die kühleren Temperaturen an der Küste suchen.

Gespannt waren wir, wie aufdringlich die Marokkaner nun wirklich sind. Zumindest in Essaouira ist es gut ertragbar. Die Marokkaner haben einfach eine andere Art für ihre Produkte zu werben. Erst das 3. Nein wird akzeptiert, dafür herrscht dann auch keine schlechte Stimmung. Wichtig ist, dass man weiss, was man will und auch nur das einkauft. Bei uns im Supermarkt können wir auch nicht alles kaufen wofür geworben wird.

Auf dem Lebensmittelmarkt wird gehandelt und als Tourist bezahlt man sicher immer viel zu viel. In den Restaurants gibt es fixe Preise. Allgemein sind inländische Produkte (oder Arbeitkraft) viel billiger (ca. 5mal) wie in der Schweiz, Importprodukte sind fast gleich teuer.

Essen kann man gut und günstig, vor allem wenn man in Marokkanische Restaurants geht. Es gibt auch einige Pizzerias und am Strand bei den grossen Hotels kriegt man auch sein Schnitzel-Pommes.

Zum Uebernachten im Bus gibt es verschiedene Möglichkeiten:

1: Campingplatz am Südende der Stadt mit guten sanitärischen Einrichtungen für 6 Fr/2 Personen

2: Campingplatz in Sidi Kaouki mit praktisch keinen sanitärischen Einrichtungen für ca 6 Fr/2 Personen

3: Bewachte Parkplätze in Essaouira für 3Fr

In der Hochsaison darf man in Moulay Bouzerktoune am Strand stehen. Wild campieren sieht die Polizei nicht gerne und man kann weggeschickt werden.

Nun zum wichtigsten Teil, natürlich sind wir auch gesurft und zwar ausgiebig. Zuerst in der Bucht von Essaouira selber. Hier wird vom bewachten Parkplatz über Strandcafe bis hin zu 2 Vermietstationen alles geboten. Im oberen Teil der Bucht ist Flachwasser und bei stärkerem Wind etwas Chop angesagt. Leider ist der Wind sehr böig, da er über die Medina kommt. Für Ein- und Aufsteiger ist der Vormittag zu empfehlen, dann ist der Wind schwächer und auch weniger böig. Im unteren Teil der Bucht laufen meist schöne Wellen zum Üben, bevor man dann an die radikaleren Spots geht. Aussen ist die Bucht durch eine Insel abgegrenzt, so entsteht jederzeit ein sicheres Gefühl. Im Winter bei Südwind, so wurde uns erzählt, gibt es Tage mit grossen Wellen.

Nachdem ich nun gelernt habe, wie man über Wellen rausfährt und wie man das Material hält, wenn man gewaschen wird, zog es mich nach Moulay Bouzerktoune. Dort findet man wohl die besten Wellen der Region. Die Wellen brechen relativ weit aussen und werden dann Richtung Strand kleiner, so dass man keine Angst haben muss gegen Klippen gespült zu werden. Ausser bei Ebbe, dann muss man vorsichtig sein, weil das Riff teilweise trocken liegt. Dieses besteht aus grün bewachsenem Sandstein. Es ist nicht scharfkantig, hat aber teilweise metertiefe Löcher drin. Bei Flut hat man das Problem nicht, dann startet man auf einem kleinen Sandstrand. Oben im Dorf finden sich ein paar kleine Cafes, eines davon mit herrlichem Blick von oben auf die Wellen. Mir hat es in Moulay super gefallen, waren es doch meine ersten Erfahrungen mit schönen Sideshore Wave Bedingungen. Einfach Klasse, auch wenn ich oft gewaschen wurde.

Ein weiterer Spot ist Sidi Kaouki. Hier ist der Wind am stärksten. Die Wellen sind ähnlich hoch wie in Moulay, sie brechen aber näher am Strand, was das Rauskommen etwas schwieriger macht. Dafür hat man hier einen kilometerlangen Sandstrand ohne Steine. Ich habe den Spot aber aus einem anderen Grund in schlechter Erinnerung: bei einem Wasserstart war ich zu langsam und wurde von einer Welle gewaschen, dabei habe ich von hinten sehr unglücklich gegen die Finne getreten, so dass ich einen tiefen Schnitt davontrug. Fast 3 Wochen lang konnte ich danach nur noch mit Schmerzen und total verkrampft surfen. Deswegen, schaut mal eure Finnen an, total messerscharf muss nicht sein, ich habe meine nun mit einem Schleifpapier leicht abgestumpft. Jetzt pfeifen sie zwar etwas früher...

Marokko hat aber viel mehr zu bieten als tolle Surfbedingungen. So sind wir bei der nächsten schlechten Windprognose zu einem Marokko Rundtrip losgefahren. Zuerst hat uns die Reise in den Hohen Atlas über den Tizi n Tichka Pass geführt. Dabei hat man einen wunderbaren Ausblick auf faszinierende Gebirgslandschaft. Besonders reizvoll ist danach das Hochtal von Telouet. Hinter dem Hohen Atlas wurde die Landschaft deutlich trockener, bis kaum noch Vegetation vorhanden ist. Als absoluter Kontrast dazu das Vallée du Draa, dies ist eine riesige Oase mit Palmen, Olivenbäumen und etwas Getreide, malerisch eingebetet in eine Steinwüste.

Der südlichste Punkt unserer Reise war Mhamid nahe an der Algerischen Grenze. Hier beginnt die richtige Sahara und es geht nur noch mit 4x4 oder Dromedar weiter. Wir haben für einen kurzen Abstecher in die Wüste das Dromedar gewählt und haben eine wunderbare Übernachtung in der Wüste genossen. Merkwürdigerweise kam dann mitten in der Wüste in der Nacht ein Gewitter auf und es hat sogar ein paar Tropfen geregnet.

Eine wundschöne sanfte Landschaft haben wir auf der Weiterfahrt nach Taliouine entdeckt. Taliouine ist die Stadt des Safrans. Von dort führt der Tizi n Test Pass zurück nach Marrakesch.

Selbst für bergerfahrene Schweizer hat es diese Strasse in sich, wenn man sich an den Strassenrand wagt, muss man schon fast schwindelfrei sein. Oben angekommen hat man freien Blick auf den Toubkal, mit 4167m der höchste Berg Marokkos.

Wer nach Marokko reist, muss Marrakesch gesehen haben. Dies ist der Inbegriff einer arabischen Stadt. Geparkt haben wir direkt im Zentrum bei der Kutubiya Moschee. Der Platz ist bewacht und man kann dort auch gut übernachten.

Nach Marrakesch fährt man nicht wegen einer grossartigen Architektur, sondern um die spezielle Stimmung und das emsige Treiben in den Strassen und Märkten zu erleben. So haben wir einen Tag lang geschaut und gestaunt und waren am Abend todmüde von all den Eindrücken.

Als Abschluss sind wir nochmals nach Essaouira und Moulay zum Surfen gefahren um dann nach 4 Wochen Marokko wieder nach Spanien überzusetzen. Uns beiden hat Marokko sehr gut gefallen. Man taucht in eine andere Welt ein. Diese Welt ist aber problemlos mit einem Surfbus oder Wohnmobil zu bereisen.

Wie Kinder an Weihnachten sind wir dann im Supermarkt von Tarifa gestanden. Nach einem Monat Marokko kommt einem das Riesenangebot eines normalen westeuropäischen Schoppingcenters schon komisch vor.

Mit einem tränenden Auge musste Claudia Ende Mai leider wieder in die Schweiz zurückfliegen. Ich bin noch 3 Wochen in Tarifa geblieben. Um es gleich vorwegzunehmen, die 3 Wochen waren der Hammer! Fast jeden Tag war ich mit 4.0 überpowert auf dem Wasser. Für die letzten 2 Wochen des Trips habe ich mich für ein Freestyle Camp von Tom Brendt angemeldet. Etwas erstaunt war ich, als ich die Fanatic Station am Morgen des Campbeginns gesucht habe, ausser einer Flagge gähnende Leere! Leider gab Bau- oder Bewilligungsverzögerungen, so musste Tom allen anderen Campteilnehmern, die auf Mietmaterial gebraucht hätten, absagen. Ich genoss 2 Wochen Privatunterricht! Meine Ziele für die Kurswochen waren Airjibe und Frontloop.

Zuerst musste ich korrektes Springen erlernen. Mit Belastung auf dem vorderen Fuss abspringen und eine kompakte Flughaltung war gefragt. Bei den Airjibeversuchen habe ich leider den Fuss etwas verdreht. Nicht schlimm, aber doch so, dass ich zu verkrampft war um an der Airjibe weiter zu arbeiten. Der Wind war eh häufig so stark, dass wir Halsen bei Ueberpower trainiert haben. Das wird mir beim nächsten Föhntag aber bestimmt zugute kommen. Meine grösste Motivation galt aber dem Frontloop. Immer, wenn es der Wind zuliess, sprich nicht zu stark war, habe ich unter professioneller Anleitung von Tom Loopübungen gemacht, teilweise mit Videoanalyse. Gerade die Videoanalyse hat mir viel gebracht, wenn ich im Kopf eine klare Vorstellung habe, wie es aussehen soll, und was noch zu korrigieren habe, fällt mir die Umsetzung auf dem Wasser leichter. Zum Schluss habe ich den Loop mehrere Male gesprungen, Landen und Weiterfahren habe ich auch einmal geschafft.

Für mich ist das Trainieren mit einem professionellen Surflehrer sehr gewinnbringend. Schritt für Schritt werde ich ohne Umwege an ein neues Manöver herangeführt. Interessierte gehen am besten auf www.tom-brendt.de . Dort findet ihr neben diversen Berichten zur PWA Windsurftour auch Infos zu den Surfcamps.

Nun ist auch für mich dieser Surftrip am Ende angelangt. Noch ein Vorteil von einem Surfbus habe ich jetzt entdeckt. Auch nach 3 Monaten Urlaub braucht man nicht lange die Koffer zu packen und das Auto zu belanden. Nein, man verabschiedet sich von allen neue gewonnenen Freunden, wirft nochmals einen Blick aufs Meer, startet den Motor und fährt einfach nach Hause.

Stefan





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